Wie das Wetter unseren Alltag bestimmt

Ob am See, auf dem Bauernhof oder in den Bergen: Das Wetter begleitet uns überall. Wir haben drei verschiedene Menschen besucht, die auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Wetter leben und arbeiten.

Das Wasser ist ihr Element: Die Hafenmeister Christoph Rohrer (links) und Andy Schuler unterwegs auf dem Urnersee.

Der Wind geht auf. Erst leicht, dann kräftiger. Kleine Wellen tanzen über das glitzernde Wasser des Urnersees, als das Dampfschiff «Uri» am nahen SGV-Hafen anlegt. Nur ein paar Hundert Meter weiter liegt der Föhnhafen Brunnen. Der Hafen wurde 1879 gebaut – als sicherer Ort für Schiffe bei Föhnsturm. Kaum irgendwo im Kanton treffen Naturkräfte so direkt auf Mensch und Technik wie hier. «Manchmal schaut man Richtung Beckenried und sieht, wie sich dunkle Wolken auftürmen», sagt Andy Schuler, einer der beiden Hafenmeister. «Und zehn Minuten später ‹chlöpfts› bei uns. Das geht blitzartig.» Was ihn an seinem Amt besonders reizt, sind die Nähe zum Wasser und die Abwechslung: «Gestern war anders als vorgestern – und morgen wird anders als heute. Das Wetter, die Wellen, die Luft – am Föhnhafen ist kein Tag gleich.» Der 54-Jährige trägt einen kleinen Anker um den Hals. Seit er dreizehn ist, zieht es ihn raus auf den See. Heute arbeitet er als Betriebsleiter im Hallenbad Ingenbohl – Nach Gewittern oder starken Regenfällen kommt noch eine weitere Herausforderung hinzu: Schwemmholz. Wenn die Muota anschwillt, wird Treibgut über das Stauwehr beim Schlattli in die Muota und schliesslich in den Urnersee gespült – und landet früher oder später vor dem Föhnhafen. «Manchmal liegt das ganze Holz verteilt in der Bucht von Brunnen», sagt Andy Schuler. Kleinere Äste und Stücke fischen die Hafenmeister falls nötig selbst aus dem Wasser. «Aber wenn es viel ist, dann holen wir den Werkdienst der Gemeinde dazu.»

 

«Die Winde streiten sich jeweils direkt vor dem Hafen.»

Christoph Rohrer, Hafenmeister

Wenn die Winde streiten

«Der Hafen liegt extrem exponiert», erklärt Andy Schuler. «Hier treffen zwei ganz unterschiedliche Windsysteme aufeinander: der Föhn aus dem Urnerland und West- oder Nordwinde vom Mittelland her.» Diese Konstellation kann explosive Wetterlagen verursachen. Oder wie es Christoph Rohrer beschreibt: «Die Winde streiten sich jeweils direkt vor dem Hafen.» In solchen Momenten peitschen die Wellen über die Mole, der Wind erreicht locker 80, teils über 100 Stundenkilometer. Manchmal reissen Bootsplachen, einmal überschlug sich ein Katamaran. Für die Hafenmeister bedeutet dies, dass sie stets flexibel auf die aktuellen Umstände reagieren müssen. Der Hafenkran zum Beispiel kann bei Sturm nicht bedient werden. Und auch geplante Seegrasschnitte, die zweimal pro Jahr während mehrerer Tagen stattfinden, müssen manchmal kurzfristig verschoben werden. «Das Wetter gibt den Takt vor», sagt Andy Schuler. Um rechtzeitig reagieren zu können, greifen die Hafenmeister auf Webcams, Wetter-Apps und Radarsysteme zurück – und auf jahrzehntelange Erfahrung. «Die moderne Technik hilft uns», sagt Christoph Rohrer. «Aber genauso wichtig ist der aufmerksame Blick in den Himmel. Wir Einheimischen spüren oft, wenn sich in der Luft etwas zusammenbraut.»

Während Andy Schuler und Christoph Rohrer auf dem See immer wieder spontan auf Wind und Wetter reagieren müssen, ist das Leben auf dem Bauernhof geprägt von längerfristiger Planung. Der Biohof Überwurf liegt oberhalb des Weilers Ecce Homo in Sattel, auf 830 Metern über Meer. Von diesem schönen Flecken Erde aus schweift der Blick über Wiesen und Obstbäume bis zur Rigi Hochflue, die in der Ferne in die Höhe ragt. Auch ein Stück des Lauerzersees ist zu sehen. Martina (40) und Christoph Meier-Schuler (46) führen den Hof seit bald zehn Jahren gemeinsam mit ihren vier Kindern – rund 27 Hektaren Landwirtschaft, viele Tiere, viel Handarbeit. Und wie bei allen, die mit und von der Natur leben, bestimmt das Wetter einen grossen Teil ihres Alltags. Das zeigt sich nur schon am Namen des Hofs: Der Überlieferung nach kam es im 14. Jahrhundert in einem Waldstück oberhalb des heutigen Landwirtschaftsbetriebs zu einem heftigen Sturm, der zahlreiche Bäume zu Fall brachte – oder eben «überwarf».

Traumhafte Aussicht, kräftige Hochlandrinder und viel Arbeit: Martina und Christoph Meier-Schuler bewirtschaften den Biohof Überwurf oberhalb von Sattel.

«Das Wetter ist extremer geworden»

Auch heute noch gibt der Wetterbericht den Takt an – ob im Frühling, Sommer, Herbst oder Winter. «Das Heuen im Sommer ist stark wetterabhängig», nennt Martina Meier-Schuler ein Beispiel. Bleibt es trocken, geht’s raus aufs Feld. Beginnt es zu regnen, bleiben die Maschinen im Schopf – und stattdessen kümmert man sich um Reparaturen oder aufgeschobene Arbeiten. Im Winter wiederum müssen Meier-Schulers sicherstellen, dass der Eierlastwagen zweimal pro Woche bis zum Hof hochfahren kann – auch wenn es schneit. Um nicht von plötzlichen Wetterveränderungen überrascht zu werden, nutzen sie verschiedene Wetter-Apps. «Leider widersprechen sich die Prognosen öfters», sagt Martina Meier-Schuler schmunzelnd. Für den Blick auf das grosse Ganze brauchen die beiden sowieso keine Wetter-App – der Klimawandel ist auch auf dem Bauernhof längst Realität. «Das Wetter ist extremer geworden», sagt Christoph Meier-Schuler. «Entweder ist es sehr nass oder sehr trocken – und die einzelnen Phasen dauern länger als früher.» Das hat konkrete Auswirkungen auf die Wasserversorgung des Hofs. Kommt es zu längeren Trockenperioden, reicht die hofeigene Quelle irgendwann nicht mehr aus. Schon mehrmals musste Wasser mit Tankwagen heraufgefahren werden, um den Wassertank aufzufüllen. «Das gab es früher nie», sagt Martina Meier-Schuler, die auf dem Hof aufgewachsen ist.

Anspruchsvoll sind auch die Pflege und das Bewirtschaften der 150 Hochstammobstbäume, welche die Landschaft rund um den Hof prägen. Spätfrost während der Blüte kann ganze Ernten vernichten – und im Gegensatz zu Niederstammanlagen gibt es für Hochstämme keine Schutzsysteme. Seit Kurzem setzen Meier-Schulers zudem auch auf neue Sorten: Mirabellen, Kastanien, Pfirsiche und Nektarinen. «Damit reagieren wir auf die zunehmend warmen Temperaturen, die genau diesen ‹südlichen› Früchten zugutekommen», sagt Christoph Meier-Schuler. Ob es klappen wird, zeigt sich in fünf bis zehn Jahren, wenn die ersten Ernten erwartet werden.

 

«Als Bauer musst du dich anpassen.»

Christoph Meier-Schuler, Landwirt

 

Das Wetter ist für Martina und Christoph Meier-Schuler aber nicht nur eine tägliche Herausforderung, sondern auch Teil der Faszination «Landwirtschaft». «In jeder Jahreszeit stehen andere Arbeiten an. Im Sommer freust du dich aufs Heuen – und bist froh, wenn du es geschafft hast.» Im Herbst sei es mit der Obsternte genau dasselbe. «Zuerst sind alle euphorisch, doch nach zwei Wochen können wir keine Kirschen mehr sehen», lacht Martina Meier-Schuler. Klar ist: Wer in der Landwirtschaft arbeitet, muss bereit sein, täglich flexibel auf die äusseren Umstände zu reagieren. «Das Wetter ist, wie es ist», fasst es Christoph Meier-Schuler abschliessend zusammen.

Diese Erfahrung teilen auch Michael Hasenfratz (48) und Cornelia Rohrer (44) – wenn auch auf andere Weise. Ihr Arbeitsort liegt noch etwas höher: das Berggasthaus Glattalp auf 1870 Metern über Meer. Und wer hier oben lebt und arbeitet, kennt Wetterumschwünge nicht nur vom Hörensagen.

Wir besuchen die Hüttenwarte an einem grauen Freitagmorgen. Das Thermometer zeigt zehn Grad, dazu Nieselregen, Nebel und zwischendurch ein paar zaghafte Sonnenstrahlen, die es nicht ganz durch die Wolkendecke schaffen. Der gelernte Koch aus dem Kanton Thurgau entdeckte die Glattalp vor zehn Jahren bei einer Tour mit Freunden. Ein Most, ein Plättli – und schon war klar: Hier oben will er bleiben. Erst half er eine Saison aus, dann übernahm er den Betrieb. Auch Cornelia Rohrer kam über Umwege auf die Glattalp. Sie wuchs im aargauischen Suhrental auf, arbeitet seit jeher in der Gastronomie und kennt Michael über ihren Bruder. «Als sich vor drei Jahren die Gelegenheit ergab, hier einzusteigen, musste ich nicht lange überlegen», erzählt sie. Seither bilden die beiden ein eingespieltes Team. Er kümmert sich um die Küche und die Einkäufe, sie um den Service.

Leben in den Bergen heisst leben mit der Natur: Michael Hasenfratz auf der Glattalp.

Wenn die Bahn fährt, ist die Beiz offen

Von Anfang Juni bis Mitte Oktober ist das Berggasthaus durchgehend geöffnet – auch bei schlechtem Wetter. Das ist die Abmachung mit ebs, der das Restaurant gehört. Der Deal: Wenn die Luftseilbahn vom Sahli auf die Glattalp fährt, ist auch die Beiz offen. An manchen Tagen allerdings, wenn es draussen regnet und die Nebelschwaden über die Hochebene ziehen, ist kaum ein Gast zu sehen. «Dann sitzen wir mit einem Kaffee oder einer Tasse Tee am Tisch, schauen zum Fenster hinaus – und hoffen, dass das Wetter wieder kehrt.» Im vergangenen Sommer habe es einige solcher Tage gegeben. Wer sich mit den beiden Gastronomen unterhält, der spürt: Das Wetter bestimmt den Alltag auf der Glattalp. Schönes Wetter bedeutet: viele Gäste, viel Arbeit, kaum Pausen. «An solchen Tagen kommst du selbst oft erst abends zum Essen», sagt Cornelia Rohrer. Wenn hingegen zwei, drei Tage lang schlechtes Wetter herrscht, verlangsamt sich das Tempo massiv. «Natürlich gibt es Arbeiten, die sich gut bei Regenwetter erledigen lassen, aber irgendwann ist auch das letzte Fenster geputzt und jedes Regal neu sortiert.» Dann könne es auch mal etwas einsam werden auf dem Berg. Gleichzeitig wissen beide das besondere Klima zu schätzen – gerade im Sommer, wenn es im Tal 30 Grad oder heisser wird. «Hier oben sind die Temperaturen meistens angenehm – vorausgesetzt, man hat die richtige Kleidung dabei», sagt die Wirtin. Vom T-Shirt bis zu Handschuhen, Mütze und selbst gestricktem Nierengurt ist bei ihr alles im Gepäck.

Fertigrösti? Nicht in dieser Bergbeiz!

Was das Wetter zusätzlich herausfordernd macht, sind seine raschen Umschwünge. «Es kommt vor, dass wir von einem Tag auf den anderen einen Temperatursturz von 25 Grad erleben», sagt Michael Hasenfratz. «Heute sonnig und warm, morgen Neuschnee – das ist hier gar nicht so selten.» Trotz aller Unwägbarkeiten möchten beide ihren Job nicht missen. «Ich bin gerne umgeben von dieser Landschaft, den Tieren, der Ruhe», sagt Cornelia Rohrer. «Unten im Tal ist mir alles zu hektisch.» Und auch für Michael Hasenfratz steht fest: Hier oben ist sein Platz. «Ich habe Freude daran, den Leuten etwas Gutes zu tun», sagt er. Diese Leidenschaft zeigt sich nicht zuletzt in der Küche: «Unsere Rösti zum Beispiel machen wir konsequent selber», betont der Koch. Das sei zwar mit zusätzlichem (Logistik-)Aufwand verbunden, lohne sich aber. Auch das graue Wetter stört den Geschäftsführer nur selten: Er weiss: «Leben in den Bergen heisst leben mit der Natur. Nicht jeder Tag ist eitel Sonnenschein – und das ist auch in Ordnung so.»

Cornelia Rohrer und Michael Hasenfratz warten auf die nächsten Gäste: An regnerischen Tagen kann es im Berggasthaus Glattalp sehr ruhig werden.

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