Mit Steinwolle gegen den Klimawandel
Regen auffangen, speichern, nutzen – statt ihn in den nächsten Schacht zu leiten. In der ARA Schwyz hat Miriam Ortheil gemeinsam mit Partnern über ein Jahr lang getestet, wie sich Regenwasser mit einfachen Mitteln lokal zurückhalten und nutzen lässt.

Ein direktes Schlüsselerlebnis gab es nicht – und trotzdem war für Miriam Ortheil bereits früh klar, wohin ihr Weg führen würde. «Schon als Kind habe ich gelernt, dass die Natur unser Zuhause ist und dass wir verantwortungsvoll mit ihr umgehen müssen.» Dieses Verständnis hat sie von ihren Eltern mitbekommen – und später zu ihrem Beruf gemacht. Nach einer Ausbildung zur technischen Zeichnerin studierte sie Bauingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Wasser- und Abfallwirtschaft in ihrer Heimat Münster. In Deutschland arbeitete sie in der Folge mehrere Jahre im Kanalbau und in der Planung kommunaler Entwässerungsanlagen, bevor sie 2020 der Liebe wegen in die Schweiz zog. Seither arbeitet Miriam Ortheil beim Amt für Gewässer des Kantons Schwyz. Und dort hat sie in den vergangenen zwölf Monaten ein besonders spannendes Projekt initiiert.
«Wir brauchen ein Umdenken»
In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule OST in Rapperswil, der Flumroc AG aus Flums sowie der ARA und der Gemeinde Schwyz hat Miriam Ortheil auf dem Gelände der Kläranlage in Seewen eine Schwammstadt-Versuchsanlage realisiert. Ziel des Konzepts Schwammstadt ist es, Städte und Ballungsräume durch einfache, naturnahe Massnahmen klimaresilienter zu gestalten. Und das aus gutem Grund: «Durch häufigere und intensivere Regenereignisse kommt es heute vermehrt zu Überlastungen der Kanalisation», weiss Miriam Ortheil. Gleichzeitig nehmen lange Trockenperioden zu. «Diese Kombination aus extremen Regenereignissen und sehr langen und heissen Trockenphasen fordert uns Jahr für Jahr mehr heraus.» Eine Folge: Das bisherige Prinzip, Regenwasser schnell abzuleiten, greift nicht mehr.
«Ist der Regen erst einmal weg, kann ich ihn nicht mehr dem Wasserkreislauf zuführen», nennt die Expertin ein Beispiel. Genau hier setzt das Konzept der Schwammstadt an: Regenwasser soll lokal gespeichert, genutzt oder verdunstet werden, anstatt es direkt in den Kanal zu schicken. «Die Speicherung des Wassers führt zur Kühlung der Umgebung sowie zu einer Erhöhung der Luftfeuchtigkeit», fasst es Miriam Ortheil zusammen. Das kommt nicht nur dem natürlichen Wasserkreislauf zugute, sondern wirkt sich auch auf das Mikroklima aus.

Vielversprechende Resultate
Was die mittlerweile zurückgebaute Testanlage in Seewen von anderen Schwammstadtprojekten unterschied, war die Steinwolle, die verwendet wurde, um das Regenwasser zu speichern. Die unspektakuläre Glasbox beinhaltete eine Schicht des natürlichen Wasserspeichers aus Steinwolle und darüber eine Deckschicht Spezialsubstrat, die mit einheimischen Stauden bepflanzt wurde. Eine definierte Dachfläche versorgte das System mit Wasser. Sensoren und Messgeräte erfassten Feuchtigkeit, Verdunstung, Abfluss und Regenmenge. Der Test lief über alle vier Jahreszeiten – bei Hitze, Starkregen, Trockenheit und Frost. «Getestet wurde, wie gut sich die eingesetzte Steinwolle zur Rückhaltung von Regenwasser eignet, ob sie die Verdunstung – und damit die Kühlung der Umgebung – steigert und wie sie das Wachstum von Pflanzen sowie die Biodiversität fördert», erklärt Miriam Ortheil.
Die Resultate aus dem Pilotprojekt sind vielversprechend: «Die Versuche haben gezeigt, dass Steinwolle hervorragend geeignet ist, um Spitzenabflüsse zu dämpfen. Bemerkenswert ist zudem, dass die Wolle – selbst im Sommer – nie vollständig austrocknete», so die Projektleiterin. «Die Pflanzen nutzten die Feuchtigkeit und bildeten ihre Wurzeln tief in die Steinwolle aus.» Gleichzeitig sorgte ein spürbarer Verdunstungseffekt für einen natürlichen Kühlmechanismus.
Kleine Massnahme, grosse Wirkung
Für Miriam Ortheil ist die Idee der Schwammstadt denn auch mehr als nur ein technisches Konzept. «Wir haben gar keine andere Wahl, als nach innovativen Lösungen zu suchen», sagt sie mit Blick auf versiegelte Städte, überhitzte Quartiere und steigenden Wasserbedarf. Das Pilotprojekt habe gezeigt, dass sich auch mit kleinen Massnahmen grosse Wirkung erzielen lassen. Für die Ingenieurin steht fest: «Die Versuchsanlage auf dem Gelände der ARA Schwyz hat klar gezeigt, dass die Steinwolle ein vielversprechendes Speichermaterial ist. Unser Ziel muss es nun sein, dass solche Anlagen auch in der realen Welt zum Einsatz kommen.»
Was also braucht es jetzt, damit aus einem Versuch echte Veränderung wird? «Letztlich sind es die Gemeinden und die Privatpersonen, die solche Projekte in die Tat umsetzen. Deshalb braucht es genau dort eine gezielte Sensibilisierung», sagt Miriam Ortheil. Sie vergleicht es mit der Energiewende: «Bei Neubauten wird heute selbstverständlich über Solaranlagen nachgedacht – warum nicht auch über Regenwasser?» Dass der Kanton Schwyz mit dem Projekt Schwammstadt eine Vorreiterrolle übernommen hat, freut sie besonders. «Wir haben hier gezeigt, dass auch kleinere Kantone mutig neue Wege gehen können.»
Und die Projektleiterin ist stolz darauf, mit ihrer Arbeit einen Beitrag zum Schutz der Gewässer leisten zu können. «Sauberes Wasser ist eine Lebensgrundlage für Menschen, Tiere und das gesamte Ökosystem. Der Umgang heute damit entscheidet darüber, wie zukunftsfähig die Welt von morgen ist.»
Das ist Steinwolle
Für das Schwammstadtprojekt auf dem Gelände der ARA Schwyz wurde Steinwolle der Firma Flumroc AG aus Flums verwendet. Das Material wurde speziell für die Wasserrückhaltung und Versickerung von Regenwasser entwickelt. Die Steinwolle Flumroc-AGUA besteht aus Stein, Luft und einem geringen Anteil an Bindemittel.
Zur Herstellung von Steinwolle wird eine spezielle Gesteinsmischung geschmolzen und zu Wolle verarbeitet. Seit 2024 schmilzt Flumroc die Steine in einem modernen Elektroschmelzofen und betreibt diesen mit 100 Prozent Strom aus Schweizer Wasserkraft. Flumroc-AGUA lässt sich vielseitig einsetzen und gut in verschiedeneGeländeformen integrieren. Genau deshalb ist auch Miriam Ortheil vom Amt für Gewässer des Kantons Schwyz von dem innovativen Material überzeugt: «Es handelt sich um eine natürliche und nachhaltige Lösung, die die Qualität des Grundwassers nicht beeinträchtigt und die zugleich einen grossen Mehrwert für die Wasserwirtschaft bietet.»
